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17.10.2014

Zeit und Qualität im Koalitionsvertrag

Ein Offener Brief an die Verhandlungsführer des Koalitionsvertrages (SPD-Landesverband Brandenburg und DIE LINKE. – Landesverband Brandenburg).

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Motto des Koalitionsvertrags „Brandenburgs Aufbruch vollenden“ bewerten die Initiatoren der landesweiten Kita-Kampagne in Brandenburg für den Bereich der frühkindlichen Bildung als nicht zutreffend! Die Erwartungen der pädagogischen Fachkräfte, der Eltern und auch der Brandenburger Wohlfahrtsverbände, die in den letzten Monaten auf die dringend notwendigen Verbesserungen der Rahmenbedingungen aufmerksam gemacht haben, lagen deutlich höher. Die Enttäuschung über den Koalitionsvertrag ist groß.

Die Betreuungsschlüsselverbesserung ist nun für 2016 und 2017, also in zwei bzw. drei Jahren, angekündigt. Wir begrüßen das als wichtige Schritte zur Verbesserung der Rahmenbedingungen. Wir vermissen aber vor allem ein Konzept und eine politische Vision, um gute Kitas für alle Kinder im Land vorzuhalten.

Die Verbesserung der Personalschlüssel kommt sehr spät: Nach den Festlegungen der Koalitionspartner erst ab 2016 für Kinder unter 3 Jahren (1:5 statt derzeit 1:6). Kinder zwischen 3 und 6 Jahren müssen auf eine Verbesserung auf 1:11 statt derzeit 1:12 sogar drei Jahre bis 2017 warten. Das heißt für ein heute vierjähriges Kind wird nichts besser, denn es kommt 2017 bereits in die 1. Klasse. Und für den Hort ist eine Verbesserung der Personalsituation gar nicht vorgesehen.

Landesweit hatten Eltern und Fachkräfte über Monate mit zahlreichen Aktivitäten während der Kita-Kampagne darauf aufmerksam gemacht, dass mehr Zeit für Tätigkeiten benötigt wird, die eine gute Kita-Qualität sichern. Dazu gehört Zeit für Vor- und Nachbereitung der

pädagogischen Arbeit, ausreichend Zeit für regelmäßige Elterngespräche sowie Zeit für Eingewöhnung der Jüngsten in die Einrichtung. Aber vor allem brauchen Kita-Leitungen deutlich mehr Zeit, um die gestiegenen Anforderungen an Kitas, z.B. für die Zusammenarbeit mit anderen Diensten und Institutionen oder auch die Qualitätsentwicklungsprozesse, steuern und managen zu können.

Darüber hinaus müssen die Gewinnung zusätzlicher Fachkräfte, ausreichende und qualitativ gute Aus- und Fortbildung vorhandener und künftiger Fachkräfte und eine Weiterentwicklung der rahmensetzenden Kita-Personalverordnung, die nicht zu Lasten des Fachkräftegebots und der Anerkennung des Berufsbildes geht hohe Priorität haben. 

Unsere Enttäuschung hat einen klar benennbaren Grund: Der vorliegende Koalitionsvertrag ist lediglich eine am Haushaltsbudget orientierte Fortschreibung des Koalitionsvertrages von 2009.  Die fachpolitische Diskussion um Qualitätssicherung und –entwicklung in der Kindertagesbetreuung wird nicht berücksichtigt. „Gute Bildung“ als „Antwort auf die Herausforderungen der Zeit“ sieht anders aus.

Die angekündigte Personalschlüsselverbesserung kommt zu spät und verursacht bereits heute große Probleme bei der Absicherung von langen Betreuungszeiten der Kinder. Mit der im März 2013 veröffentlichten Potsdamer Untersuchung im Rahmen des Projektes KitaZoom der Bertelsmann-Stiftung wurde aufgezeigt, dass die bestehenden  Finanzierungsbedingungen des Landes die untersuchten Einrichtungen nicht ausreichend in die Lage versetzen, eine angemessene Betreuungsrelation vorzuhalten. Hintergrund ist, dass die hohe Anzahl von Kindern mit  Betreuungsansprüchen von 8 bis 10 Stunden oder mehr keine Berücksichtigung bei der Bemessung zur Finanzierung finden. Die angekündigte Personalschlüsselverbesserung wird nur unzureichend die in den letzten Jahren gestiegenen Ansprüche auf lange Betreuungszeiten kompensieren. Modellhaft kann dies an folgendem Beispiel dargestellt werden: Eine Kita mit 73 Kindern, die einen Betreuungsbedarf von bis zu 10 Stunden haben, kommt bereits heute auf 146 "nicht finanzierte" Stunden pro Tag. In der Auswirkung führt das aktuelle Bemessungsprinzip zur personellen Absicherung der Öffnungszeiten zwangsläufig zu einem verschlechterten Betreuungsschlüssel.

Die Initiatoren und Unterstützer der Kita-Kampagne „Gemeinsam für: Gute Bildung. Von Anfang an! Jetzt!“ haben in den vergangenen Monaten immer wieder eingefordert, einen landesweiten Dialog zur Erarbeitung eines Gesamtkonzeptes mit allen Finanzierungsbeteiligten zu initiieren. Daran halten wir fest und fordern die Entwicklung einer gemeinsamen


bildungspolitischen Vision mit allen in der Verantwortung stehenden, bei der auch die notwendige Prüfung und Neujustierung der Kita-Finanzierung sowie die Entwicklung eines Stufenplans über die kommende Legislaturperiode hinaus auf der Agenda stehen.

Wir sehen in dem Projekt „KitaZoom – Resourcen wirksam einsetzen“ eine große Chance, um Themen der Qualitätssicherung und –entwicklung voranzubringen, bei der intensive und qualifizierte Dialoge die zentrale, aber vielversprechende Herausforderung bilden, die es mit Blick auf die Chancengerechtigkeit in den Kitas im ganzen Land wert sind.

Lassen Sie uns jetzt an den Stellschrauben für bessere Rahmenbedingungen GEMEINSAM arbeiten!